Beschreibung
Der Erwählte
„Der Erwählte“ ist Thomas Manns kunstvolle Neuerzählung der mittelalterlichen Gregorius-Legende. Erzählt wird die Geschichte von Gregorius, der aus der verbotenen Verbindung eines Geschwisterpaares hervorgeht und als Neugeborener in einem Fass dem Meer überlassen wird. Nach seiner Rettung wächst er in klösterlicher Umgebung auf und begibt sich später auf die Suche nach seiner Herkunft. Durch Tapferkeit und Entschlossenheit gewinnt er schließlich die Liebe der Herzogin Sibylla, die er heiratet – ohne zu wissen, dass sie seine Mutter ist. Erst Jahre später wird diese verhängnisvolle Wahrheit offenbar. Von Schuld überwältigt, zieht sich Gregorius aus der Welt zurück und lebt lange Zeit als Büßer, angekettet auf einem Felsen. Schließlich wird er erlöst und gelangt – einer Vision folgend – nach Rom, wo er zum Papst erhoben wird.
Im Zentrum des Romans steht das Motiv eines schicksalhaft-unbewussten Inzests. In dieser oft als „christlicher Ödipus“ bezeichneten Konstellation wiederholt sich das Vergehen über zwei Generationen hinweg: Zunächst verfallen Wiligis und Sibylla aus selbstbezogener Leidenschaft einander, später heiratet ihr Sohn Gregorius – siebzehn Jahre danach – unwissentlich seine eigene Mutter. Doch auch diese zweite Verbindung erscheint nicht als bloßes Schicksal, sondern als moralisch problematisch und vermeidbar, da beide eine Ahnung von der wahren Identität des anderen haben.
Die Parallele zum Ödipus-Mythos liegt auf der Hand: Gerade die Suche nach der eigenen Herkunft führt Gregorius zurück zu seiner Mutter. An diesem Punkt tritt ein weiteres zentrales Thema hervor – die Schuld. Sie zeigt sich hier als Folge einer gesteigerten Selbstbezogenheit, die aus innerer Unsicherheit erwächst. Die gegenseitige Faszination von Mutter und Sohn lässt sie alle Zweifel verdrängen und treibt sie in ihre verhängnisvolle Verbindung.
Bereits in der frühen Erzählung „Wälsungenblut“ hatte Thomas Mann das Motiv des Geschwisterinzests aufgegriffen, dort jedoch in anderem thematischen Zusammenhang. Im „Erwählten“ wird das heikle Thema durch kunstvolle erzählerische Distanzierung in eine entrückte, legendenhafte Sphäre verlagert. Dazu trägt auch die Einführung eines fiktiven Erzählers bei – des „Geistes der Erzählung“, der in der Gestalt Clemens des Iren erscheint und die Geschichte überliefert. Ironie und spielerische Brechung zeigen sich etwa in der skurrilen Auffindung des späteren Papstes, die mit einem Hauch von Spott erzählt wird.
Die Technik eines vermittelnden, fiktiven Erzählers hatte Thomas Mann bereits zuvor in „Doktor Faustus“ erprobt und führt sie hier in neuer Form weiter.
In dieser Erzählung verwandelt Mann die alte Legende in ein vielschichtiges Gleichnis über Schuld, Läuterung und Gnade. In der anmutenden Sprache einer Chronik schildert er den Weg eines „gottgeliebten Sünders“, der aus tiefster Verstrickung zur Heiligkeit gelangt. Dabei bewegt sich der Ton zwischen feiner Ironie und ernsthafter Anteilnahme, getragen von dichter Symbolik und menschlicher Sensibilität.
Hintergrund
Der Roman greift die Gregorius-Legende Hartmanns von Aue aus dem 12. Jahrhundert auf und erzählt sie mit veränderter inhaltlicher Akzentsetzung neu. Bereits Hartmanns mittelhochdeutsches Versepos geht vermutlich auf die französische Legende Vie du pape Grégoire zurück. Im Zentrum steht Gregorius, der aus einem Geschwisterinzest hervorgeht, unwissentlich seine eigene Mutter heiratet und nach langer, harter Buße schließlich durch göttliche Gnade zum Papst erhoben wird.
Nach Thomas Manns Tagebuch entstand das Werk zwischen dem 21. Januar 1948 und dem 26. Oktober 1950. Mit dem Stoff hatte er sich jedoch schon zuvor beschäftigt: In Doktor Faustus erscheint die Gregorius-Legende bereits in Form eines Puppenspiels. Damals stützte sich Mann auf die Erzählung „Von der wundersamen Gnade Gottes und der Geburt des seligen Papstes Gregor“ aus der spätmittelalterlichen Sammlung „Gesta Romanorum“. Für den späteren Roman griff er auf die Übersetzung Hartmanns von Aue durch Marga Bauer zurück.
„Der Erwählte“ ist Thomas Manns kürzester Roman. Ursprünglich als Novelle geplant, gewann der Stoff während des Schreibprozesses zunehmend an Umfang. Nach der düsteren Thematik des Doktor Faustus verfolgte Mann dabei bewusst das Ziel, „bei düsterster Weltlage […] die Menschen zu trösten – und zu erheitern“, wie er 1947 festhielt.
Paul Thomas Mann (6. Juni 1875 – 12. August 1955) war ein deutscher Schriftsteller, Sozialkritiker, Philanthrop, Essayist und Nobelpreisträger für Literatur (1929). Seine symbolträchtigen und ironischen Romane und Novellen sind bekannt für ihre Einblicke in die Psyche von Künstlern und Intellektuellen.
Seine Analyse und Kritik der europäischen und deutschen Seele stützte sich auf modernisierte Versionen deutscher und biblischer Geschichten sowie auf die Ideen von Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Nietzsche und Arthur Schopenhauer. Mann war Mitglied der hanseatischen Familie Mann und porträtierte seine Familie und Klasse in seinem ersten Roman, „Buddenbrooks“ (1901).
Zu seinen späten bedeutenden Romanen gehören Der Zauberberg (1924), die Tetralogie Joseph und seine Brüder (1933–1943) und Doktor Faustus (1947); er schrieb auch Kurzgeschichten und Novellen, darunter Tod in Venedig (1912).
Sein älterer Bruder war der Schriftsteller Heinrich Mann, und drei von Manns sechs Kindern – Erika Mann, Klaus Mann und Golo Mann – wurden ebenfalls bedeutende deutsche Schriftsteller. Als Adolf Hitler 1933 an die Macht kam, floh Mann in die Schweiz. Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, zog er in die Vereinigten Staaten und kehrte 1952 in die Schweiz zurück. Mann ist einer der bekanntesten Vertreter der sogenannten Exilliteratur, der deutschen Literatur, die von Gegnern des Hitler-Regimes im Exil geschrieben wurde.
- Autor*in: Thomas Mann
- Titel: Der Erwählte
- Reihe: Thomas Mann, Werke
- Bände: (1) Der kleine Herr Friedemann und andere Novellen | (2) Buddenbrooks | (3) Königliche Hoheit | (4) Der Zauberberg | (5) Gladius Dei | (6) Tonio Kröger | (7) Tristan | (8) Schwere Stunde | (9) Der Tod in Venedig | (10) Joseph und seine Brüder | (11) Herr und Hund | (12) Wälsungenblut | (13) Zehn Erzählungen | (14) Mario und der Zauberer | (15) Lotte in Weimar | (16) Die vertauschten Köpfe | (17) Das Gesetz | (18) Doktor Faustus | (19) Der Erwählte | (20) Die Betrogene | (21) Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull | (22) Fiorenza | (23) Deutsche Hörer! | (24) Goethe und Tolstoi | (25) Über Goethe | (26) Über Schriftsteller | (27) Grosse Geister
- Sprache: Deutsch
- Format: EPUB
- Seitenzahl: ca. 350
- ISBN-13: 978-3-96130-733-3 (EPUB)
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