Beschreibung
Mario und der Zauberer
Thomas Mann entwirft in seiner Novelle eine eindringliche Parabel auf die Anfänge des Faschismus. Schauplatz ist ein Badeort im Italien der 1920er-Jahre, geprägt von drückender Hitze und einer unterschwellig gereizten Stimmung. Eine deutsche Urlauberfamilie sieht sich dort wachsender Ablehnung ausgesetzt: Sie wird aus dem Grand Hotel verwiesen, und überall begegnen ihr Missmut und Engstirnigkeit. In dieser angespannten Atmosphäre verspricht der Auftritt des Zauberkünstlers Cipolla Ablenkung. Doch seine Fähigkeiten erweisen sich als ebenso faszinierend wie unheimlich – und führen schließlich zu einem „tragischen Reiseerlebnis“, wie es der Untertitel der Novelle benennt. Im Zentrum stehen dabei die bis heute relevanten Themen Verführung und Willensfreiheit. Denn Cipolla ist weit mehr als ein gewöhnlicher Unterhaltungskünstler: Mit sprachlicher Überlegenheit und hypnotischer Kraft zwingt er sein Publikum, seinem Willen zu folgen, und untergräbt dessen Selbstkontrolle. Seine Darbietungen setzen an den Emotionen der Zuschauer an, treiben sie zu peinlichen und entwürdigenden Handlungen und zeigen eindrücklich, wie leicht Menschen manipulierbar sind. Auf diese Weise verdichtet Mann das Geschehen zu einer scharfsinnigen Parabel über die Mechanismen von Macht, Verführung und freiwilliger Unterwerfung.
Zunächst betonte Mann, keine bewusst politische Absicht verfolgt zu haben; vielmehr habe er unwillkürlich etwas von der faschistischen Zeitstimmung eingefangen. Später relativierte er diese Aussage und schloss politische Deutungen ausdrücklich ein. So schrieb er 1941, es gehe zwar zu weit, in Cipolla eine bloße Verkleidung Mussolinis zu sehen, zugleich sei jedoch unbestreitbar, dass die Erzählung eine moralisch-politische Dimension besitze.
Paul Thomas Mann (6. Juni 1875 – 12. August 1955) war ein deutscher Schriftsteller, Sozialkritiker, Philanthrop, Essayist und Nobelpreisträger für Literatur (1929). Seine symbolträchtigen und ironischen Romane und Novellen sind bekannt für ihre Einblicke in die Psyche von Künstlern und Intellektuellen.
Seine Analyse und Kritik der europäischen und deutschen Seele stützte sich auf modernisierte Versionen deutscher und biblischer Geschichten sowie auf die Ideen von Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Nietzsche und Arthur Schopenhauer. Mann war Mitglied der hanseatischen Familie Mann und porträtierte seine Familie und Klasse in seinem ersten Roman, „Buddenbrooks“ (1901).
Zu seinen späten bedeutenden Romanen gehören Der Zauberberg (1924), die Tetralogie Joseph und seine Brüder (1933–1943) und Doktor Faustus (1947); er schrieb auch Kurzgeschichten und Novellen, darunter Tod in Venedig (1912).
Sein älterer Bruder war der Schriftsteller Heinrich Mann, und drei von Manns sechs Kindern – Erika Mann, Klaus Mann und Golo Mann – wurden ebenfalls bedeutende deutsche Schriftsteller. Als Adolf Hitler 1933 an die Macht kam, floh Mann in die Schweiz. Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, zog er in die Vereinigten Staaten und kehrte 1952 in die Schweiz zurück. Mann ist einer der bekanntesten Vertreter der sogenannten Exilliteratur, der deutschen Literatur, die von Gegnern des Hitler-Regimes im Exil geschrieben wurde.
- Autor*in: Thomas Mann
- Titel: Mario und der Zauberer
- Reihe: Thomas Mann, Werke
- Bände: (1) Der kleine Herr Friedemann und andere Novellen | (2) Buddenbrooks | (3) Königliche Hoheit | (4) Der Zauberberg | (5) Gladius Dei | (6) Tonio Kröger | (7) Tristan | (8) Schwere Stunde | (9) Der Tod in Venedig | (10) Joseph und seine Brüder | (11) Herr und Hund | (12) Wälsungenblut | (13) Zehn Erzählungen | (14) Mario und der Zauberer | (15) Lotte in Weimar | (16) Die vertauschten Köpfe | (17) Das Gesetz | (18) Doktor Faustus | (19) Der Erwählte | (20) Die Betrogene | (21) Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull | (22) Fiorenza | (23) Deutsche Hörer! | (24) Goethe und Tolstoi | (25) Über Goethe | (26) Über Schriftsteller | (27) Grosse Geister
- Sprache: Deutsch
- Format: EPUB
- Seitenzahl: ca. 115
- ISBN-13: 978-3-96130-742-5 (EPUB)
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